Über den Kapitalismusbegriff der Bewegung

Historisch mussten Linke, die sich von einer drastischen Verschlechterung der sozialen Verhältnisse politisch bessere Perspektiven erhofften, konstatieren, dass die SA-Aufmärsche dann doch schneller organisiert waren als die soziale Revolution.

Berhnhardt Schmidt: Occupy the Movement

Slavoj Žižek – What does it mean to be a revolutionary today?

„Critical leftists have hitherto only dirtied with dust, the balls of those in power, the point is to cut them off.“

mehr Žižek: via Nerdcore

Hoax oder „Mein (Wahl)kampf“?

Seid ein paar Tagen kursiert dieses Foto im Internet:
gasgeben

Mehr Diskussionsanregung braucht es denke ich nicht.
Let the shitstorm begin.

//Update: Wenn man den journalistischen Fähigkeiten des Berliner Kuriers glauben darf, dann sind die Plakate tatsächlich kein Fake.
siehe „Fiese Faschisten-Fratze“

//Update 2: Auf der Seite der NPD Lichtenberg ist zu lesen, dass heute Plakate mit den Parolen:

„Udo Voigt – Gas geben“

„Sicherheit durch Recht und Ordnung“

„Deutsche Kinder braucht das Land”

“Wehrt Euch“

„Guten Heimflug“ u.s.w.

im Raum Lichtenberg-Hohenschönhausen angebracht wurden.
Es handelt sich also um keinen zynischen Fake.

Kalte nackte Zahlen – Deutsche Rüstungsexporte 2009

2009 wurden aus Deutschland Genehmigungen zur Ausfuhr von Kriegswaffen und Rüstungsgütern in Drittstaaten (nicht NATO/EU Länder) im Wert von „2.492 Millionen“ (klingt wahrscheinlich harmloser als 2,492 Milliarden) Euro erteilt . Dies umfasst ca. die Hälfte der Gesamtexporte (5.043 Millionen Euro).
Hier eine kleine Auswahl:

Vereinigte Arabische Emirate – 540,7 Millionen Euro
Feuerleiteinrichtungen, Zielüberwachungssysteme,
Ortungsradar und Teile für Feuerleiteinrichtungen, Bordwaffen-
Steuersysteme, Ortungsradar (A0005/32,4 %);
Torpedos, Sprengvorrichtungen, Simulatoren, Zündmaschinen,
Prüfgeräte, Bediengeräte und Teile für Torpedos, Flugkörper,
Handgranaten (A0004/27,7 %);
Lkw, Minenräumgeräte, Geländewagen mit Sonderschutz
und Teile für Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, amphibische
Fahrzeuge, Bergefahrzeuge, Landfahrzeuge (A0006/18,2 %);
Marinegeschütze, Maschinenkanonen und Teile für
Geschütze, Kanonen (A0002/11,7 %)

Sultanat Brunei – 433,9 Millionen Euro
Patrouillenboote und Teile für Patrouillenboote
(A0009/97,8 %)

Saudi Arabien – 167,9 Millionen Euro
Bodenüberwachungsradar und Teile für Feuerleiteinrichtungen,
Bodenüberwachungsradar, Ausrüstung für Gegenmaßnahmen
(A0005/19,8 %);
Betankungsanlage, Fallschirme und Teile für Kampfflugzeuge,
Tankflugzeuge, Flugzeuge, Bordausrüstung
(A0010/15,4 %);
Teile für Raketen, Flugkörper, Seeminenräumgeräte,
Granaten (A0004/13,4 %);
Kommunikationsausrüstung, Funkaufklärungsanlage und
Teile für Kommunikationsausrüstung, Ortungsausrüstung,
Elektronische Kampfführung, Wanderfeldröhre (A0011/9,2 %);
Software für Detektionsausrüstung, Waffensysteme und
Grenzsicherungssysteme (A0021/8,9 %);
Flugzeug-Shelter (A0013/8,0 %);
Zieldarstellungsgeräte, Waffenübungsgeräte, Übungsgeräte,
Übungspatronen und Teile für Ausbildungsgeräte, Simulatoren
(A0014/6,6 %)

Singapur – 165,8 Millionen Euro
Panzerfahrgestelle, amphibische Fahrzeuge Teile für Panzer,
gepanzerte Fahrzeuge, amphibische Fahrzeuge, Landfahrzeuge
(A0006/79,4 %);
Munition für Kanonen, Mörser, Revolver, Pistolen, Jagdflinten,
Sportflinten und Teile für Haubitzenmunition, Kanonenmunition,
Panzerabwehrwaffenmunition, Nebelwerfermunition,
Munition für Pyrotechnische Werfer, Maschinengewehrmunition,
Gewehrmunition (A0003/9,4 %)

Ägypten – 77,5 Millionen Euro
Kommunikationsausrüstung und Teile für Kommunikationsausrüstung,
Breitbandpeiler (A0011/67,0 %);
Teile für Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Landfahrzeuge
(A0006/25,6 %)

Der Wert der aus Deutschland ausgeführten sogenannter Kleinwaffen an Drittländer sank im Vergleich der beiden Vorjahre 2007 (30,2 Mio. €) und 2008 (17,1 Mio. €) ab, jedoch ist mit 14,3 Mio. € im Jahr 2009 gegenüber 1996 (1,8 Mio. €) weiterhin ein hohes Niveau erkennbar.

Als „Kleinwaffen“ werden nach EU-Norm bezeichnet:

Maschinengewehre (einschließlich schwerer
Maschinengewehre)
Maschinenpistolen, einschließlich vollautomatischer
Pistolen
Vollautomatische Gewehre
Halbautomatische Gewehre, wenn sie als
Modell für die Streitkräfte entwickelt und/
oder eingeführt werden
Schalldämpfer

b) Von einer Person oder Mannschaften tragbare
leichte Waffen:
Kanonen (einschließlich Maschinenkanonen),
Haubitzen und Mörser unter
100 mm Kal.
Granatabschussgeräte
Panzerabwehrwaffen, Leichtgeschütze
(Schulterwaffen)
Panzerabwehr-Raketensysteme und Abschussgeräte
Flugabwehr-Raketensysteme/tragbare Luftverteidigungssysteme
(MANPADS)“

Geliefert wurden 2009 unter anderem:

Saudi Arabien
Gewehre: 3500
Bestandteile für Gewehre: 366.394
Bestandteile für Maschinenpistolen: 21.309

Ägypten
884 Maschinenpistolen
Bestandteile für Maschinenpistolen: 2.736

Vereinigte Arabische Emirate
Maschinenpistolen 100
Bestandteile dafür 100

Libanon
Bestandteile für Gewehre: 2.548
Bestandteile für Maschinenpistolen: 576

Auch Munition wurde geliefert (Stückzahl):

Katar
Munition für Gewehre: 1.621.080

Vereinigte Arabische Emirate
Munition für Maschinenpistolen: 90.050

Bahrain
Munition für Maschinenpistolen: 13.000

Saudi Arabien
Munition für Gewehre 7.750

Singapur
Munition für Gewehre: 200
Bestandteile dafür: 16.000.000
Bestandteile für Maschinengewehrmunition: 2.000

Wert deutscher Rüstungsgüter und Kriegswaffen Ausfuhrgenehmigungen an „Drittländer“:

1996 – 850 Millionen Euro
1997 – 596 Millionen Euro
1998 – 1,03 Milliarden Euro
1999 – 781 Millionen Euro
2000 – 599 Millionen Euro
2001 – 1,34 Milliarden Euro
2002 – 744 Millionen Euro
2003 – 1,61 Milliarden Euro
2004 – 1,08 Milliarden Euro
2005 – 1,65 Milliarden Euro
2006 – 1,15 Milliarden Euro
2007 – 1,23 Milliarden Euro
2008 – 3,14 Milliarden Euro
2009 – 2,49 Milliarden Euro

Rüstungsexportbericht 2009 der Bundesregierung
Rüstungsexportbericht 2009 der GKKE

Oslo und Utøya – „Extremismus“ der Mitte

Nachdem die Spekulationen über einen islamistischen Anschlag vollends verebbt sind und sich langsam ein Bild von den Tatmotiven gemacht werden kann, scheint es, als würde der explizit politische Hintergrund der Anschläge zugunsten einer „Wahnsinniger-Einzeltäter-Theorie“ mehr und mehr aus den Augen verloren werden.

So schreibt „ARD-Extremismusexperte „Stefan Schölermann:

Der mutmaßliche Täter aber war ein Mann, der sich praktisch im Alleingang radikalisiert hat – ohne persönlichen Kontakt zu Gleichgesinnten aufzunehmen.

Das der Täter jedoch sieben Jahre lang Mitglied der rechtspopulistischen Fremskrittspartiet (Fortschrittspartei) war und dort für kurze Zeit auch leitende Positionen inne hatte wird als Hintergrund nicht in Erwägung gezogen. Die Partei ist immerhin mit 22,9% die zweitstärkste Kraft im norwegischen Parlament. Sie konnte 2009 (41 Sitze) gegenüber 2005 (38 Sitze) sogar leicht hinzugewinnen. Würde sie lediglich 4-5% der Stimmen erhalten, könnte man sie als „extreme“, randständige Partei stigmatisieren und sie als Projektionsfläche eigenen und gesellschaftlichen chauvinistischen Gedankgenguts nutzen, wie es auch hier zu Lande mit der NPD geschieht. Da sie jedoch mit mehr als einem Fünftel der Wähler einen Teil der sogenannten Mitte repräsentiert fällt sie, ihre Politik und ihre Wirkung auf das gesellschaftliche Klima als ursächlicher Faktor aus.

Der Täter selber bezeichnete sich als „christlich“ und „konservativ“ hat also keineswegs ein „extremistisches“ Selbstbild und auch die Jugendorganisation der Fremskrittspartiet wirkt eher wie eine norwegische Junge Union denn wie die „Jungen Nationaldemorakten“ der NPD. Ihre politischen Ansichten dürften jedoch in mehr als einem Punkt deckungsgleich mit dem des Täters sein.

Werbung der Fremskrittspartiet
Text: “ < < Der Täter ist ausländischer Abstammung! >> (Zitat in der Presse das wir oft lesen)“
Plakat Fortschrittspartei

Zwar fragt Schölermann: „Welche Verantwortung tragen Norwegens Rechtspopulisten?“ zwei Absätze weiter kommt er jedoch zu dem Schluß:

Und dennoch geht es zu weit, hier eine direkte Linie zu den Taten von Oslo zu ziehen. Denn erstens hat sich Fortschrittspartei klar von Gewalt distanziert. Außerdem trägt das wirre politisches Pamphlet von rund 1500 Seiten, das der mutmaßliche Täter im Internet hinterlassen hat, manische Züge. Die Inszenierung seines Internetauftritts, wenige Tage vor der Tat, trägt die Handschrift eines Psychopathen, dem es vor allem um Geltung und Beachtung zu gehen scheint. Das sind individuelle Tatmotive, für die die Rechtspopulisten keine Verantwortung tragen.

Es fällt auf, dass auch hier wieder versucht wird den Täter in eine soziale Randgruppe abzuschieben, welche man von außen betrachten/verachten/bemitleiden kann, mit der man selbst nichts gemein hat. Sein (politisches) Pamphlet sei „wirr“ und sein Internetauftritt auf Facebook trage „die Handschrift eines Psychopathen“.
Ob der Inhalt des Pamphletes tatsächlich wirrer ist als die politischen Programme und Weltbilder rechtspopulistischer Parteien und was genau das psychopathische an dem Internetauftritt sein soll, bleibt mangels Erklärungen und Beispielen wohl ungewiss.

Ein Psychopath sieht die Welt nicht wie sie ist, er kann zwischen dem realen und dem fiktiven nicht mehr unterscheiden, woraus sich sein für die Umstehenden unerklärliches Verhalten ableitet. Im Gegenzug neigt die Gesellschaft oft dazu, für sie unerklärliches Verhalten mit einer psychischen Krankheit gleichzusetzen. Auch Menschen mit Psychosen o.ä. können durchaus derartige Taten Planen. So manchem Amokläufer wird eine psychische Krankheit nachgesagt oder ist sogar sicher bestätigt. Doch im Gegensatz zu einem Amoklauf bei dem die Opfer mehr oder weniger wahllos getötet werden, hat der Täter von Oslo und Utøya sich gezielt eine bestimmte Menschengruppe ausgesucht, zu der er darüberhinaus keinerlei persönlichen Bezug hat wie es bei Amokläufen üblich ist. (1) Auch handelte es sich keineswegs um eine Art „erweiterten Suizid“, welcher oft Teil eines Amoklaufes ist, bei dem der eigene Tod gewünscht oder zumindest billigend in Kauf genommen wird. Der Täter trug eine Kugelsichere Weste und ergab sich auf der Stelle nachdem die Polizei endlich am Tatort eingetroffen war. Der Amoklauf als suizidale, endgültige Verzweiflungstat bei dem über die Tat hinaus keine weiteren Handlungen geplant werden, steht den Anschlägen von Norwegen gegenüber.

Um derart viele Menschen kaltblütig und persönlich umzubringen zu können, muss es, so abgedroschen es sich anhören mag, an einem Maß an Empathie mangeln, welches kaum durch etwas anderes als durch Sozialisation und Erziehung zu erklären ist. Es ist jedoch kein Unterschied im Maße mangelnder Empathie zu Tätern die ihre Opfer totschlagen oder deren Häuser anzünden. Der 32-jährige war kein Psychopath, er war ein politisch motivierter Gewalttäter und aufgrund des Ausmaßes seiner Handlungen ein Terrorist, den politischen Hintergrund der Tat kleinzureden, ihn zu ignorieren oder ihn als bloße Fassade für die Auslebung innerer Aggressionen zu bezeichnen tut niemandem einen Gefallen und versperrt den Blick auf die gesellschaftlichen Ursachen.

Und so stellt sich bei den Worten des Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg beim öffentlichen Gedenken: „Das Böse kann Menschen töten, aber niemals ein ganzes Volk besiegen“ die Frage, ob die richtigen Schlüsse aus der Tat gezogen werden. „Das Böse“ existiert nicht.

weiterer lesenswerter Artikel auf rechtspopulismusstoppen

und auf deadcatbounce

und ein wichtiger Hinweis via I ♥Pluto

Gedenken

(1) Bei Amokläufen werden in der Regel Menschen als Ziele ausgewählt, welche dem Täter lange bekannt sind (Familie, LehrerInnen, MitschülerInnen), dies kennzeichnet zum Teil auch die persönlichen Motive, erst während der Ausführung der Tat wird zumeist wahllos getötet.

Zeitgemäßer Spam:

Dear Sir/Madam,

My name is Mr.Ali ElBaradei, I was one of the personal assistants to the ousted former president Hosni Mubarak of Egypt, Since after my boss was chased away by demonstrators some months ago, many countries have seized his assets and funds including those belonging to his aides/close associates. So far, about usd$20billion United States dollars have been seized in Switzerland, London and other European nations! I therefore write this letter to you to solicit your support for the safe keeping of the sum of USD$ 200 million (TWO HUNDRED MILLION UNITED STATES DOLLARS ONLY).

The said sum is presently deposited in a secret account in Canada, Because of the fact that we are in hiding since after the ouster of my boss, I or any member of my family or associate cannot claim these funds because the bank/ payment center where the fund’s are deposited in Canada will not agree to give us the funds since they are acting under the instructions of the UNITED NATIONS and the current Egyptian government authorities to confiscate the said funds. That is why we ask for your kind assistance and support.

You will present yourself as the next of kin/beneficiary to the said funds there in Canada where you will go and receive the said funds. All documents relating to the funds will be changed to your name as the owner so that you can get the funds out from the bank/payment office to any account of your choice. We are willing to give you 20% of the amount for your assistance but just help us get these funds before the Canadian and U.S government discovers and confiscates it also. We do not want to loose the funds in any way.

Already, they have taken a lot from us and we cannot afford to loose more funds to them as they are looking for more to confiscate, which is why we need your urgent help to save these funds.

All you have to do is just to go there to Canada and present yourself as the beneficiary of the funds with the legally notarized documentations. You will receive the payment directly there and the funds will be wired to any account of your choice once all the transfer processes and documentations have been cleared.

Kindly send the below information to us immediately:

1. Your Full Name:
2. Residential Address:
3. Your Occupation:
4. Your Position
5. Mobile Number:
6. Phone Number:
7. Fax Number:
8. Citizenship:
9. Country of Resident:

Thanks for your anticipated kind response, But if you know you are unable to go to Canada to claim the funds or finance the transfer of the funds directly from Canada to any account of your choice, please do not bother to respond to this message. We only need serious and capable hand that can be of assistance to us at this very critical time.

Yours Truly,

Ali ElBaradei

Am Anfang war Erziehung II

Wenn davon ausgegangen wird, dass in einer postkapitalistischen Gesellschaft Gewalt, gegenseitige Ausbeutung, psychische Krankheiten, Missbrauch, Diskriminierung und ähnliche soziale Phänomene abgeschafft sind, so wird übersehen, dass mit der Abschaffung der Konkurrenz zwar ein wichtiger Faktor zur Entstehung dieser ausgeschaltet wurde, jedoch keineswegs die Fülle an Faktoren, welche Menschen zu diesem Handeln treiben.

Die Abschaffung der gesellschaftlichen Konkurrenz hat sicherlich auch eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zur Folge, welche ebenfalls für genanntes Handeln verantwortlich sind. Jedoch können auf diesem Wege nicht alle Faktoren ausgeschaltet werden, da die Menschen der postkapitalistischen Gesellschaft dieselben sind, wie in der kapitalistischen. Ihre Sozialisation hat in Konkurrenzverhältnissen stattgefunden, ebenso wie die ihrer Eltern und Großeltern. Der Wegfall einer Notwendigkeit für egoistisches Handeln macht egoistisches Handeln keineswegs unmöglich.
Jedes Handeln, mag es uns auch noch so unverständlich erscheinen hat unbewusste Funktionen, welche für das ausführende Individuum von existentieller Bedeutung ist.
Auch Missbrauch, Gewalt, Depression, Diskriminierung und ähnliches werden weiterhin bestehen. Und das nicht, obwohl sie keine tatsächliche Funktion mehr hätten, sondern weil sie eben keinesfalls ihre Funktionen in einer postkapitalistischen Gesellschaft verlieren.

Es könnte sogar sein, dass es in einer postkapitalistischen Welt zu einem Anstieg der genannten Verhaltensweisen kommt. Sie sind Ausdruck dafür, dass etwas nicht stimmt und somit aus emanzipativer Sicht etwas Positives. Wie Erich Fromm es formulierte:

„der Mensch der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und dass sie dadurch, durch diese Funktion, Symptome erzeugen. Das Symptom ist ja wie der Schmerz nur ein Anzeigen, dass etwas nicht stimmt. Glücklich der, der ein Symptom hat!“

Eine Abnahme des gesellschaftlichen Drucks auf die einzelnen Individuen, könnte durchaus dazu führen, dass die Symptome der Menschen endlich zum Ausdruck kommen dürfen.

Die Ursachen für Symptome können längst nicht mehr aktuell sein und dennoch nicht in ihrer Wirkung nachlassen. Ein Kind, welches missbraucht wurde, in welchem Sinne auch immer (zu oft wird dabei ans Sexuelle gedacht und anderer Missbrauch/„Gebrauch“ von Kindern ausgeblendet), lebt nicht plötzlich symptomfrei, weil es in eine liebende Umgebung kommt, in der die Auslöser für die Symptome offensichtlich nicht mehr vorhanden sind. Ebenso ergeht es den im Kapitalismus sozialisierten Menschen. Der Wegfall der Notwendigkeit führt nicht von selbst zu einem Wegfall der Handlungsmuster.

Noch tiefergreifender ist es bei sogenannten psychischen Störungen zu denen durchaus auch Gewalt und anti-soziales Verhalten zu zählen sind. Traumatisierungen (und dies müssen mitnichten Vergewaltigungen oder Gewalterfahrungen im Elternhaus sein), welche bestimmte Symptome hervorgerufen haben, um mit ihnen Umgehen zu können, können durch eine positive Gegenwart weder rückgängig gemacht noch kompensiert werden. Durch den Wiederholungszwang und die Reinszenierung der traumatisierten Person, bei der die Person die eigene Traumatisierung wieder und wieder durchlebt und welche durchaus in den Symptomen zu Tage tritt, ist es möglich dort anzusetzen, wo einst die Kränkung, der Vertrauensverlust, die Traumatisierung stattgefunden hat.
In der Wiederholung und der Reinszenierung ist es möglich die Handlungsmuster zu durchbrechen und der betroffenen Person alternative Handlungen, Antworten und Reaktionen auf die symptomatischen Verhaltensweisen zu zeigen:
Dem Schlagenden, der geschlagen wurde und der im Wiederholungszwang/ in der Reinszenierung wieder schlägt eben nicht als schlagender/strafender/autoritärer Erzieher zu begegnen, den ausschließenden Menschen eben nicht zu isolieren, den diskriminierenden Menschen, der damit sein niedriges Selbstwertgefühl kompensiert eben nicht abzuwerten.

Es ist kein Zufall wenn 95% der Gewalttäter und ein noch höherer Prozentsatz von Sexualstraftätern männlich sind und es ist ebenso wenig ein Zufall, wenn die Suizidrate nach medialen Berichten über eine bestimmte Selbsttötung ansteigen. Der Grad der psychischen Traumatisierung bestimmt die Schwere, die sozialen Muster, Modelle und Rollen bestimmen die Form der Symptome.

Tiefe narzisstische Kränkungen, Vernachlässigung, Benutzung anderer für die eigenen Bedürfnisse, „Weitergabe“ von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen an andere, all diese Faktoren werden auf nicht absehbare Zeit weiterhin bestehen bleiben, wenn sich die sozialen und psychischen Ursachen von Unterdrückung und Benutzung nicht gesellschaftlich bewusst gemacht werden.
Und sie treffen in der Regel Menschen am unteren Ende von Hierarchien, Herrschafts- und Machtverhältnissen.
In der Regel die wehrlosesten Menschen in unserer Gesellschaft.
Und in der Regel müssen sie diese Erfahrungen von Menschen in Empfang nehmen, welchen ihre Liebe gilt und nach deren Liebe sie dürsten.
In der Regel trifft es die Kinder einer Gesellschaft, welche die traumatischen Erfahrungen später an ihre eigenen weitergeben.

Die Idee, dass dies irgendwann von alleine ein Ende hat, entbehrt jeglicher Grundlage.

Gesellschaftliche Ketten

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Eine Formulierung die ich mit der Verachtung von oder zumindest der Furcht vor Schwäche verbinde und der zahnradhaften Gliederung, ja Hierarchie einer in sich geschlossenen Gemeinschaft, die den Einzelnen dazu antreibt ja nicht dieses schwache Glied zu sein, sich diesem immer wieder zu vergewissern und darüber hinaus andere anzutreiben zu leisten, sich für die Gemeinschaft aufzuopfern, da das Versagen des Einzelnen den Untergang der Gemeinschaft bedeuten könnte.
Für keine Kette will ich stark sein.

Am Anfang war Erziehung

Auch wenn sich Alice Miller wohl kaum selber als Anarchistin bezeichnet hätte, hat sie sich, wie kaum jemand anderes, mit den Folgen von Erziehung, Pädagogik und Psychoanalyse als Herrschaftsinstrumente in der Gesellschaft auseinandergesetzt. Insbesondere der Einfluss frühkindlicher Erlebnisse auf die Entwicklung von Persönlichkeit und die sich wiederholenden Handlungsmuster von „Erzogenen“ in Bezug auf ihre eigenen Kinder stellte sie bei ihrer Arbeit in den Vordergrund:

In seiner Weihnachtsansprache 1979 sagte Johannes Paul II. zum Jahr des Kindes, daß man dem Kinde Ideale vermitteln sollte. Dieser Satz ist im Munde eines liebesfähigen Menschen zweifellos gut gemeint. Wenn aber kirchliche und weltliche Pädagogen sich anschicken, dem Kind vorgeschriebene Ideale vermitteln zu wollen, greifen sie zu den Mitteln der Schwarzen Pädagogik und erziehen Kinder höchstens zu erziehenden Erwachsenen, aber nicht zu liebenden Menschen.
Kinder die man respektiert, lernen Respekt. Kinder, die man bedient, lernen dienen, lernen dem Schwächeren dienen. Kinder, die man so liebt, wie sie sind, lernen auch Toleranz. Auf diesem Boden entstehen ihre eigenen Ideale, die gar nicht anders als menschenfreundlich sein können, weil sie aus der Erfahrung der Liebe hervorgehen.
Ich bin mehr als einmal mit dem Gedanken konfrontiert worden, daß ein Mensch, dem es möglich gewesen wäre, in der Kindheit sein wahres Selbst zu entwickeln, in unserer Gesellschaft ein Martyrium auszustehen hätte, weil er ihr die Anpassung an einige ihrer Normen verweigern würde. Es spricht einiges für diesen Gedanken, den man oft als Argument für die Notwendigkeit der Erziehung gebraucht. Die Eltern möchten ihr Kind, wie sie sagen, so früh wie möglich anpassungsfähig machen, damit es später in der Schule und im Berufsleben nicht zu sehr leiden müsse. Da das Leiden der Kindheit und dessen Auswirkungen auf die Charakterbildung bisher noch wenig bekannt sind, behält diese Argumentation scheinbar ihr Gewicht. Die Beispiele aus der Geschichte scheinen ihr sogar recht zu geben, denn viele Menschen die sich den herrschenden Normen ihrer Gesellschaft verweigert hatten und die Wahrheit, d.h. auch sich selbst treu geblieben waren, mußten als Märtyrer sterben.
Doch wer ist es eigentlich, der eifrig dafür sorgt, daß die Normen der Gesellschaft eingehalten werden, der die Andersdenkenden verfolgt, ans Kreuz schlägt – wenn nicht die „richtig“ erzogenen Menschen? Es sind Menschen die ihren seelischen Tod schon in ihrer Kindheit zu akzeptieren lernten und ihn erst spüren, wenn sie in den Kindern oder Jugendlichen dem Leben begegnen. Dann muß dieses Lebendige umgebracht werden, damit es sie nicht an ihren eigenen Verlust erinnert.

aus Alice Miller – Du sollst nicht merken (1983)

4. Juni – Naziaufmarsch in Braunschweig verhindern

Da man sich nicht auf das Verbot des Naziaufmarsches am 4. Juni durch Braunschweigs Innenstadt verlassen kann und die Veranstalter bereits Widerspruch eingelegt haben, kann damit gerechnet werden, dass der Aufmarsch, eventuell mit geänderter Route, wie geplant stattfindet. Umso wichtiger ist es die Gegenveranstaltungen zu unterstützen. Seitens der Nazis heißt es dazu:
„Wir fechten das Verbot natürlich an und gehen davon aus, daß wir wir erfolgreich sein werden. Im Falle des erwarteten Erfolges wird die Demonstration am 4. Juni 2011 (Uhrzeit, Ort) beginnen. „

Keine Zukunft der Vergangenheit

Zu Gegenveranstaltungen wird aufgerufen:

Auftaktkundgebung des Bündnis gegen Rechts ist um 10 Uhr an der KZ-Gedenkstätte Schillstrasse (Karte // Infos zur Gedenkstätte) – ca. 250m vom Hautpbahnhof. Von dort ist eine Demonstration über den Bahnhof, Kurt-Schuhmacher-Str., John-F-Kennedyplatz, Lessingplatz, Bruchtorwall, Europaplatz und weiter auf dem Innenstadtring (auf der Route der Nazis in umgekehrter Richtung).

Die JAA hat darüber hinaus eine Infobroschüre mit Tips zur Blockade und Demoverhalten herausgebracht.

Termin für den Infoabend zu den Gegenveranstaltungen in Braunschweig ist der 1.Juni in der UJZ Korn, Hannover.

weitere Infos:
[AAH]
Antifaschistisches Café
Buendnis gegen Rechts
Keine Zukunft der Vergangenheit
StreetartBS