Archiv der Kategorie 'Gedachtes'

Zum Staat III

Arten der Staatsverfassung sind [nach Kant]: „A. Gesetz und Freiheit ohne Gewalt (Anarchie). B. Gesetz und Gewalt ohne Freiheit (Despotism). C. Gewalt ohne Freiheit und Gesetz (Barbarbei). D. Gewalt mit Freiheit und Gesetz (Republik).“ Nur die letztere ist eine wahre bürgerliche Verfassung; „Republik“ bedeutet aber hier nur einen „Staat überhaupt“. Das höchste Gesetz einer bürgerlichen Gesellschaft ist nicht das „Sinnenwohl“ (die Glückseligkeit der Bürger), sondern das „Verstandeswohl“, d. h. „die Erhaltung der einmal bestehenden Staatsverfassung“.

Rudolf Eisler, Kant-Lexikon

Armutsbekämpfung in Zeiten des Kapitalismus

Ich gehe gehetzt im Regen durch die Stadt als sich vor mir eine Werbetafel aufbaut – Am oberen Ende ist eine digitale Anzeige eingelassen auf welcher die Weltbevölkerung in Zahlen dargestellt wird. „Siebenmilliardenfünfzehnmillionenfünfhundertvierzehntausendundelf, zwölf, dreizehn, vierzehn…“ die Zahl wächst mit jedem Regentropfen, geradezu Sintflutartig, ich fühle mich an die Schuldenuhr erinnert.
Unter der der Anzeige hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Armut verhüten“ über ein paar „afrikanischen“ Kindern. Ich denke im vorrübergehen, dass es so wie es sich darstellt doch hoffentlich nicht gemeint sein kann und suche zu Hause im Internet nach „Armut verhüten“.

Der Zweite Eintrag bringt mich auch schon zur „Stiftung Weltbevölkerung“, welche auch für die digitale Anzeige verwantwortlich ist, und auch hier tickt die Weltbevölkerungsuhr unterbittlich: „Siebenmilliardenfünfzehnmillionenfünfhundertsiebzehntausendzweihundertvierzig, einundvierzig, zweiundvierzig“, die Anzeige überspringt einige Zahlen, „fünfundvierzig“. Ich lese mir die Inhalte durch, es geht tatsächlich um „Verhütung“ , sexuelle Aufklärung, Geschlechtskrankheiten und ungewollte Schwangerschaften. Allerdings auch – und Plakat und Name der Stiftung lassen diesen Schluß zu – um das Hauptziel der Reduzierung der Kinderzahl als Mittel der Armutsbekämpfung.

Unsere Projektarbeit zeigt: Jugendliche, die einen angemessen bezahlten Job haben, wollen in der Regel auch weniger Kinder haben. Jugendliche die aufgeklärt sind und einen guten Zugang zu Mitteln der Familienplanung haben, bekommen nur so viele Kinder, wie sie selbst wünschen. Kommt beides zusammen, können die Jugendlichen einen wichtigen Beitrag zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums leisten, das einer der Hauptgründe für die große Armut in diesen Ländern ist.

Je stärker die Bevölkerung zunimmt, desto mehr Menschen konkurrieren um die ohnehin knappen Ressourcen wie Ackerland, Wasser und Wald. Dies verschärft die Armut und Not der Bevölkerung, die auf diese Ressourcen unmittelbar angewiesen ist. Die Stiftung Weltbevölkerung ist überzeugt, dass der Schutz von Mensch und Natur zusammen gehören. Dem tragen wir mit integrierten Projekten Rechnung, in denen wir Familienplanung, Gesundheitsfürsorge und Umweltschutz miteinander verbinden.

Die Reduzierung der Kinderzahl durch Verhütung soll helfen „sich selbst aus der Armut zu befreien“. Das eine Arbeitsstelle und Bildung, also ein guter sozio-ökonomischer Hintergrund, die Kinderzahl verringert hat die Stiftung Weltbevölkerung bereits erkannt, auf die Frage warum derart viele Menschen keinen Zugang zu Bildung und Arbeit haben gibt sie höchstens die Antwort: Weil sie zu viele Kinder zeugen.

Kinder=Armut die verhütet werden muss:
Stiftung Weltbevölkerung
stiftungweltbevölkerung

Wieder einmal wird die Abschaffung des Leids durch die Abschaffung der Leidenden propagiert, ein dunkles Thema in der Diskussion um Abtreibung und Verhütung, welches auch von emanzipatorischer Seite (beispielsweise in der Debatte um die „Verhütung behinderten Lebens“) nur selten angesprochen wird.
Das Gegenteil von gut scheint eben doch gut gemeint zu sein. Und so lange unter Armutsbekämpfung Patenschaften und Bevölkerungsreduzierung verstanden wird, wird sich auch das „Afrika“-Bild der Industrienationen wohl kaum ändern.
Einen schönen Einblick in das Bild der Stiftung und deren Ausblendung wirtschaftlicher Zusammenhänge gibt das PR-Portal „openPR.de“:

Viele Deutsche haben bereits Patenschaften für Kinder in Entwicklungsländern übernommen. Das lindert die Armut dieser Kinder. Aber das Bevölkerungswachstum wird dadurch nicht gebremst und auch die Patenkinder werden in wenigen Jahren selbst Kinder haben, sodass mehrere Millionen neuer Patenschaften jährlich notwendig wären, um Armut zu verhindern.

Ich würde dies gerne mit der Forderung nach „Nachwuchsreduzierung“ von Hartz-4 Empfängern karikieren, aber die Realität hat mich da längst überholt.

Aufklärungsfeindlichkeit und Rassismus sind Zurechnungsfähig

Zur Unzurechnungsfähigkeit Breiviks :

Wenn „White Supremacists“ sich für die herrlichste, stärkste, höchste „Rasse“ der Welt halten, dann mag das narzisstische Grandiosität sein, von der Verantwortung ihrer Taten entbindet sie das jedoch nicht.

Wenn ein Verschwörungstheoretiker von der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ redet oder von „Kulturmarxisten“, welche sein Land zerstören wollen, dann mag das paranoid sein, von der Verantwortung für seine Taten entbindet ihn das jedoch nicht.

Wenn eine Populistin von der „Überfremdung Europas“ redet, dann mag das psychotisch sein in dem Sinne, dass sie die matrielle Realität nicht mehr erkennt und ihre eigene psychische Realität als Maß aller Dinge benennt, von der Verantwortung für ihre Taten entbindet sie das jedoch nicht.

Wenn Neonazis zehn Menschen aus nächster Nähe umbringen und sich dabei gut fühlen, wenn sie „nach eigener Auffassung entscheiden, wer leben darf und wer sterben darf“(ebd.), dann mag das krank sein, von der Verantwortung für ihre Taten entbindet sie das jedoch keinesfalls.

Aufklärungsfeindlichkeit und Rassismus tragen oft psychotische Züge; Berechnungs- und Zurechnungsfähig sind sie dennoch.

Am Anfang war Erziehung II

Wenn davon ausgegangen wird, dass in einer postkapitalistischen Gesellschaft Gewalt, gegenseitige Ausbeutung, psychische Krankheiten, Missbrauch, Diskriminierung und ähnliche soziale Phänomene abgeschafft sind, so wird übersehen, dass mit der Abschaffung der Konkurrenz zwar ein wichtiger Faktor zur Entstehung dieser ausgeschaltet wurde, jedoch keineswegs die Fülle an Faktoren, welche Menschen zu diesem Handeln treiben.

Die Abschaffung der gesellschaftlichen Konkurrenz hat sicherlich auch eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zur Folge, welche ebenfalls für genanntes Handeln verantwortlich sind. Jedoch können auf diesem Wege nicht alle Faktoren ausgeschaltet werden, da die Menschen der postkapitalistischen Gesellschaft dieselben sind, wie in der kapitalistischen. Ihre Sozialisation hat in Konkurrenzverhältnissen stattgefunden, ebenso wie die ihrer Eltern und Großeltern. Der Wegfall einer Notwendigkeit für egoistisches Handeln macht egoistisches Handeln keineswegs unmöglich.
Jedes Handeln, mag es uns auch noch so unverständlich erscheinen hat unbewusste Funktionen, welche für das ausführende Individuum von existentieller Bedeutung ist.
Auch Missbrauch, Gewalt, Depression, Diskriminierung und ähnliches werden weiterhin bestehen. Und das nicht, obwohl sie keine tatsächliche Funktion mehr hätten, sondern weil sie eben keinesfalls ihre Funktionen in einer postkapitalistischen Gesellschaft verlieren.

Es könnte sogar sein, dass es in einer postkapitalistischen Welt zu einem Anstieg der genannten Verhaltensweisen kommt. Sie sind Ausdruck dafür, dass etwas nicht stimmt und somit aus emanzipativer Sicht etwas Positives. Wie Erich Fromm es formulierte:

„der Mensch der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und dass sie dadurch, durch diese Funktion, Symptome erzeugen. Das Symptom ist ja wie der Schmerz nur ein Anzeigen, dass etwas nicht stimmt. Glücklich der, der ein Symptom hat!“

Eine Abnahme des gesellschaftlichen Drucks auf die einzelnen Individuen, könnte durchaus dazu führen, dass die Symptome der Menschen endlich zum Ausdruck kommen dürfen.

Die Ursachen für Symptome können längst nicht mehr aktuell sein und dennoch nicht in ihrer Wirkung nachlassen. Ein Kind, welches missbraucht wurde, in welchem Sinne auch immer (zu oft wird dabei ans Sexuelle gedacht und anderer Missbrauch/„Gebrauch“ von Kindern ausgeblendet), lebt nicht plötzlich symptomfrei, weil es in eine liebende Umgebung kommt, in der die Auslöser für die Symptome offensichtlich nicht mehr vorhanden sind. Ebenso ergeht es den im Kapitalismus sozialisierten Menschen. Der Wegfall der Notwendigkeit führt nicht von selbst zu einem Wegfall der Handlungsmuster.

Noch tiefergreifender ist es bei sogenannten psychischen Störungen zu denen durchaus auch Gewalt und anti-soziales Verhalten zu zählen sind. Traumatisierungen (und dies müssen mitnichten Vergewaltigungen oder Gewalterfahrungen im Elternhaus sein), welche bestimmte Symptome hervorgerufen haben, um mit ihnen Umgehen zu können, können durch eine positive Gegenwart weder rückgängig gemacht noch kompensiert werden. Durch den Wiederholungszwang und die Reinszenierung der traumatisierten Person, bei der die Person die eigene Traumatisierung wieder und wieder durchlebt und welche durchaus in den Symptomen zu Tage tritt, ist es möglich dort anzusetzen, wo einst die Kränkung, der Vertrauensverlust, die Traumatisierung stattgefunden hat.
In der Wiederholung und der Reinszenierung ist es möglich die Handlungsmuster zu durchbrechen und der betroffenen Person alternative Handlungen, Antworten und Reaktionen auf die symptomatischen Verhaltensweisen zu zeigen:
Dem Schlagenden, der geschlagen wurde und der im Wiederholungszwang/ in der Reinszenierung wieder schlägt eben nicht als schlagender/strafender/autoritärer Erzieher zu begegnen, den ausschließenden Menschen eben nicht zu isolieren, den diskriminierenden Menschen, der damit sein niedriges Selbstwertgefühl kompensiert eben nicht abzuwerten.

Es ist kein Zufall wenn 95% der Gewalttäter und ein noch höherer Prozentsatz von Sexualstraftätern männlich sind und es ist ebenso wenig ein Zufall, wenn die Suizidrate nach medialen Berichten über eine bestimmte Selbsttötung ansteigen. Der Grad der psychischen Traumatisierung bestimmt die Schwere, die sozialen Muster, Modelle und Rollen bestimmen die Form der Symptome.

Tiefe narzisstische Kränkungen, Vernachlässigung, Benutzung anderer für die eigenen Bedürfnisse, „Weitergabe“ von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen an andere, all diese Faktoren werden auf nicht absehbare Zeit weiterhin bestehen bleiben, wenn sich die sozialen und psychischen Ursachen von Unterdrückung und Benutzung nicht gesellschaftlich bewusst gemacht werden.
Und sie treffen in der Regel Menschen am unteren Ende von Hierarchien, Herrschafts- und Machtverhältnissen.
In der Regel die wehrlosesten Menschen in unserer Gesellschaft.
Und in der Regel müssen sie diese Erfahrungen von Menschen in Empfang nehmen, welchen ihre Liebe gilt und nach deren Liebe sie dürsten.
In der Regel trifft es die Kinder einer Gesellschaft, welche die traumatischen Erfahrungen später an ihre eigenen weitergeben.

Die Idee, dass dies irgendwann von alleine ein Ende hat, entbehrt jeglicher Grundlage.

Gesellschaftliche Ketten

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Eine Formulierung die ich mit der Verachtung von oder zumindest der Furcht vor Schwäche verbinde und der zahnradhaften Gliederung, ja Hierarchie einer in sich geschlossenen Gemeinschaft, die den Einzelnen dazu antreibt ja nicht dieses schwache Glied zu sein, sich diesem immer wieder zu vergewissern und darüber hinaus andere anzutreiben zu leisten, sich für die Gemeinschaft aufzuopfern, da das Versagen des Einzelnen den Untergang der Gemeinschaft bedeuten könnte.
Für keine Kette will ich stark sein.

Die Auswanderer

Es ist wichtig die Frage nach einem besseren Leben der Menschen in den nordafrikanischen/arabischen Ländern mit dem Blick auf Zustände hier vor Ort zu verknüpfen, denn formale Solidarität mit den Demonstrierenden in diesen Ländern hin oder her, es gibt auch hierzulande Menschen die Solidarität gut gebrauchen könnten und auf deren Schicksal mit beträchtlichen Chancen positiv eingewirkt werden könnte. Grade jetzt, da die Potentaten und Staatsapparate der Region endlich auch in der allgemeinen Öffentlichkeit als das benannt werden was sie sind: Diktaturen in denen die Menschenrechte kein Gehör finden.
Umso wichtiger ist es, darauf hinzuweisen, dass diese Rechte auch in Deutschland und in der alltäglich Vollzogenen Abschiebepraxis scheinbar keinen Raum einnehmen und dafür zu sorgen, dass über geltendes Recht hinausgegangen und endlich ein Bleiberecht für alle Menschen realisiert wird. Es mag sein, dass dies innerhalb der bestehenden Verhältnisse nicht von heute auf morgen zu realisieren ist, jedoch ist es allemal wichtig, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für das Schicksal von Flüchtlingen und darüber hinaus auch Empathie für diese zu wecken. Denn ein reines Informieren über die Umstände unter denen Asylsuchende zu leiden haben bewirkt nur ein intellektuelles Verständnis für ihre Lage. Ein wirkliches Umdenken erfordert jedoch ein emotionales Nachvollziehen, welches nicht einfach mir Sachzwängen wegargumentiert und aktiv ignoriert werden kann. Grundlage für ein Nachvollziehen, muss natürlich auch eine umfangreiche Information der Menschen sein. Dies alleine führt jedoch nicht zu Veränderungen. Und jedes Leben von Flüchtlingen, welches damit gerettet oder verbessert werden kann, ist es Wert auf diesem „kapitalistischen Nebenkriegsschauplatz“ Stellung zu beziehen.

In einer Mitteilung der Niedersächsischen Landesregierung vom 24.02.11 heißt es:

“Im Unterschied zu anderen arabischen Ländern ist Syrien ein weltlich orientiertes Land, in dem die verschiedenen Religionen und Nationalitäten weitgehend konfliktlos nebeneinander leben. „

und was laut dem Flüchtlingsrat Niedersachsen aus der Mitteilung des Wirtschaftsministeriums nachträglich gelöscht wurde:

„Eine Entwicklung wie z.B. in Ägypten wird derzeit als unwahrscheinlich angesehen, da Präsident Assad bedeutend jünger ist als die anderen Machthaber in der arabischen Welt und somit dem Volk näher steht. Ein Generationswechsel vom Vater zum Sohn ist bereits vollzogen und hat bereits für eine Modernisierung des Landes gesorgt.”

Einschätzungen wie diese, werden als Gründe herangezogen, warum eine Abschiebung zumutbar und keineswegs verwerflich ist [1]. Auch andere Handlungen wie etwa Handelsbeziehungen oder Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen werden mit derartigen Einschätzungen präventiv vor etwaiger Kritik geschützt. Sie dienen auch dazu, den Menschen wider besseren Wissens Ausflüchte zu verschaffen, um das eigene Selbstbild (ich bin gut, ich unterstütze nur gerechtes) intakt halten zu können.
Unbequeme Wahrheiten können jederzeit ignoriert werden, indem der zweifelnden Person durch Autoritäten wie Ministerien, Regierungen oder auch Medien die Verantwortung für das eigene Handeln scheinbar abgenommen wird, die Verhältnisse verharmlost, die momentanen Zustände als „alternativlos“ bezeichnet werden. Es ist schlichtweg einfacher sich auf übergeordnete, gesellschaftlich anerkannte Instanzen zu verlassen als die eigenen Gedanken zu Ende zu denken. Auch das Urteil der Mehrheit der Gesellschaft kann als solche moralische Instanz fungieren.

Doch die Menschen sind keineswegs fremdgesteuerte Spielbälle von Politik und Wirtschaft ohne eigene Handlungsoptionen, welche ohne kontrollierende Instanzen sofort den Aufstand proben würden. Im Gegenteil wird ein Großteil von ihnen die Ausflüchte der Autoritäten schlichtweg einem offen geäußerten Egoismus vorziehen. Denn es ist keine Frage: wir Leben in einem beständigen Konkurrenzverhältnis zueinander, welches einen Egoismus gebiert [2], der auch kleine eigene Vorteile gegenüber anderen neidvoll zu verteidigen sucht, sowie gerne fremdes Leben opfert, um das eigene sicher und komfortabel zu wissen.

Das Leid anderer mit dem unserer Lebensstandart aufgewogen wird ist einem Großteil der Gesellschaft egal. Doch genau an dieser Stelle wo die Bigotterie der jeweiligen Gesellschaft, des sie bestimmenden Systems so deutlich hervortritt, gilt es anzusetzen, sie ins Licht zu zerren, ihre Mechanismen beleuchten, deutlich zu machen woher diese kommen und schlussendlich den Wunsch zu wecken es anders, besser zu gestalten. Man muss die Menschen verstehen und nachvollziehen lassen, dass es so wie ist nicht bleiben wird, kann, darf. Die deutsche Flüchtlingspolitik ist dabei ein Thema, welches sowohl die Unmenschlichkeit der herrschenden Verhältnisse hervorhebt, als auch von praktischem Nutzen für die von Abschiebung und anderen Zwangsmaßnahmen bedrohten Menschen ist. Ein Thema also, welchem sich nicht trotz, sondern gerade wegen der aktuellen Ereignisse verstärkt gewidmet werden sollte.

Mal versucht:
Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

[1] laut VG Hannover sind im Jahr 2010 bundesweit insgesamt 897 syrische Staatsangehörige und 314 Staatenlose/Drittstaatsangehörige zur Abschiebung angemeldet worden.
[2] Wird er (der Egoismus) nicht durch die bestehenden Verhältnisse hervorgebracht so wird er zumindest durch diese verstärkt gefördert.

Flüchtlinge aus Tunesien ertrunken.

Auf dem Weg von der tunesischen Küste zur italienischen Insel Lampedusa sind am Sonntagabend mindestens 35 Menschen gestorben. Ihr Boot kenterte in den Wellen und 35 der 40 an Bord befindlichen Personen ertranken. Andere Quellen gehen von bis zu 70 Schiffbrüchigen aus.

Die Erkenntnis, dass eine Überfahrt durchs Mittelmeer, wie sie jährlich Tausende Flüchtlinge wagen, keineswegs eine leichte Entscheidung ist und mit dem Risiko einhergeht, sein eigenes Leben und das seiner Familie zu verlieren wird sich höchstwahrscheinlich auch mit diesen Toten nicht in der europäischen Politik und Bevölkerung durchsetzen. Flüchtlinge gelten weiterhin als Menschen zweiter Klasse, welche scheinbar aus Bequemlichkeit an die europäischen Küsten drängen und als wirtschaftlich unnützes Humankapital betrachtet werden. Dabei spielen nicht nur vorgeschobene materielle Gründe wie „das Boot ist voll“ Argumentationen eine Rolle, sondern auch ein Rassismus, welcher die Flüchtlinge als weniger Wert abstempelt, als Menschen, deren Leben nicht soviel zählt wie das „weißer“ Europäer.
Die Festung Europa muss sich vor dem Ansturm „biblischen Ausmaßes“ abschotten. Heute wurde ein Schiff mit über 1800 Flüchtlingen daran gehindert in italienische Gewässer „einzudringen“.

Derweil taugt die Geschichte einer deutschen blonden Mutter weitaus mehr für Empathie, als das Schicksal der ent-individualisierten Massen von armen, nordafrikanischen Flüchtlingen, welche darauf angewiesen waren, die 1000€ für die Überfahrt mühsam zusammensparen und ohne Gepäck und „bessere Plätze, unweit des Kapitäns. „ reisen mussten. „Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ihre spektakuläre Flucht verfilmt wird“ schreibt die Welt. Die Flüchtlinge, welche sich zu dutzenden auf dem Boot der „wunderschöne[n] Frau“ drängten, werden wohl auch dort als Kulisse für das herausgestellte Einzelschicksal herhalten müssen.

Zur Situation libyscher Flüchtlinge:

Libyen-Flüchtlinge vor dem Nichts
Deutschland soll Flüchtlinge Aufnehmen
E-mail Aktion: Fluchtwege auf nach Europa öffnen
Flucht aus der Hölle

Japanischer Glücksfall

Die Katastrophe in Japan, welche mit dreifaltiger Härte zuschlägt und nicht nur Erdbeben und Tsunami sondern auch noch einen (möglicherweise dreifachen) Super-Gau für die japanische Bevölkerung bereithalten könnte, ist für andere in fernen Ländern ein wahrer Glücksfall. Dabei ist es grade das unglaubliche Ausmaß der Katastrophe, welches eben dies bewirkt.

Gadaffi und co. können erst einmal aufatmen: ein Wunder hat sie vor dem anhaltenden medialen Fokus bewahrt. Das Interesse liegt auf den Folgen des Erdbebens, des Tsunamis und der möglicherweise austretenden Strahlung aus Kernkraftwerken in Japan. Dies wird auch hierzulande mit besonderem Interesse betrachtet, da vor kurzem die Laufzeitverlängerungen deutscher AKW’s ohne Beteilligung des Bundesrates von der Bundesregierung durchgesetzt wurde. Aber Laufzeiten hin oder her, die Reaktoren laufen und welche Folgen das haben kann, zeigt sich gerade überdeutlich an der japanischen Ostküste. In zwei der sechs Reaktoren in Fukushima I ist es bis jetzt zu Explosionen gekommen. Dass diese „nur“ durch explodierenden Wasserstoff zustande kamen beruhigt keinesfalls, es bedeutet, dass das Kühlwasser verdampft ist, sich in Wasserstoffatome aufgespalten und sich schließlich aufgrund der Hitzeentwicklung entzündet hat. Die Kernschmelzen haben aufgrund fehlender Kühlung zumindest in diesen beiden Reaktoren eingesetzt. Die deutsche Regierung nimmt dies zum Anlass die Laufzeitverlängerung zunächst auszusetzen. Der Bevölkerung soll sie scheinbar zu diesem ungünstigen Zeitpunkt nicht zugemutet werden. (Drei Monate Aussetzung sollen zunächst genug sein, um Abstand von den aktuellen Ereignissen zu gewinnen.) Darüberhinaus gilt weiterhin: „Wir wissen wie sicher unsere Kraftwerke in Deutschland sind“ und „Wir können auf die friedliche Brückentechnologie der Atomkraft nicht verzichten“ wie Merkel verlauten ließ, wobei zynischer Weise einmal mehr auf die Klimafreundlichkeit der AKWs hingewiesen wurde.

Auch die europäische Rolle in der Unterstützung despotischer Diktaturen fällt zunächst aus dem öffentlichen Blickfeld, ebenso wie der Vormarsch Gaddafis und die Notwendigkeit, eine Flugverbotszone zu errichten, sowie die Rebellen bei ihrem Kampf gegen den Diktator zu unterstützen, auch wenn dies bisher seitens irgendeines Staates nicht einmal verbal geschehen ist.
In Bahrain werden zeitgleich Soldaten der Nachbarländer angefordert, um die Proteste der eigenen Bevölkerung gewaltsam niederschlagen zu lassen. Saudi-Arabien, welches selber Demonstrationen befürchtet schickte 1000 Soldaten, um die arabisch-afrikanische Revolution vor der Haustür im Keim zu ersticken. Derweil werden ca. 20.000 Regierungsgegner im Jemen, welche seit Wochen einen Platz besetzten halten mit Panzern eingekesselt. Im Libanon waren am Sonntag zehntausende Demonstranten zusammengekommen, welche die Entwaffnung der herrschenden Hisbollah verlangten. Auch in Syrien hört die Repression gegenüber Oppositionellen nicht mit einem Erdbeben auf.

Es bleibt zu hoffen, dass die tragischen Ereignisse in Japan nicht die Position der Herrschenden in den Diktaturen der Region stärken bzw. ihnen die Zeit verschaffen, ohne eine wachende Weltöffentlichkeit den Drang der eigenen Bevölkerung nach Freiheit und einem besseren Leben brutal zu unterdrücken.

„Sharia Law in the USA“

Der Begriff Taqwacore entstammt dem arabischen Wort „taqwa (Gottesfurcht) und dem Suffix „core“, welches heutzutage weit über den Hardcore hinaus verschiedene Musikstile kennzeichnet. Dennoch geht es in diesem Film vor allem um das Genre Punkrock und die Entstehung eines explizit muslimischen Subgenres. Nach Jewdriver und den Jesus Skins erobern nun also auch muslimisch geprägte Bands wie „The Kominas“, „al-Thawra“ und die teils lesbischen girls (sowas muss man leider immer noch als Besonderheit erwähnen) von Secret Trial Five einen Teil des Muttergenres. Wobei viele der (wenigen) Bands vor allem einen kulturellen und weniger einen religiösen Hintergrund einfließen lassen. Der Großteil der Religion die direkt in die Musik einfließt ist Provokation, wenn es etwa heißt „Sharia Law in the USA“, welches als sich an „Anarchy in the UK“ der Sexpistols orientiert. Dennoch sind viele der Mitglieder von „The Kominas“ im privaten religiös und wollen nicht als „geläuterte Muslime“ erscheinen, welche sich vom Islam distanzieren – jedoch genauso wenig als Vertreter eines autoritären Islams, wenn sie etwa auf einem Konzert in Pakistan der Menge zurufen: „This song is for all Homosexuals“ oder „I wanna fuck at Ramadhan“.

Einer der Höhepunkte des Films ist auf jeden Fall der Auftritt auf einer Veranstaltung der Islamic Society of North America (ISNA), welcher schließlich von den Veranstalter_Innen und der Polizei beendet wird. Das Bild der „Kopftuchmädchen“ wie Sarrazin sie wohl nennen würde, welche teils fassungslos, teils begeistert, teils beides über das was sich vor ihnen auf der Bühne abspielt staunen, ist ganz großes Kino!
Auch ohne allen Thesen des Films zuzustimmen kann man ihn uneingeschränkt jedem empfehlen, ob Punkrockhörer oder nicht, ob Muslima oder Atheist. Obwohl ich eigentlich einfach nicht zusehen kann, wenn Gitarren zerstört werden. Wer mehr sehen will kann bei fuckcopyright.blogspot reinschauen.

Flugverbotszone Jetzt!

Ein Eingreifen der Nato, der EU oder auch der UN würde in jedem Fall eine militärische Einmischung in den Konflikt in Libyen bedeuten. Sämtliche Dementis von Befürwortern einer Flugverbotszone, dass nur eine Bodenoffensive eine militärische Intervention bedeuten würde, sind schlicht und ergreifend faktisch falsch. Wer setzt ein solches Verbot durch? Und wie? Natürlich westliche Staatenverbände mit Kampfjets und Waffengewalt. Den Luftraum über Libyen zu sichern und sei es nur in den „befreiten“ Gebieten im Osten bedeutet im Falle eines Falles natürlich Flugzeuge Gaddafis abzuschießen. Ist das konkrete militärische Durchsetzen einer Flugverbotszone nicht Teil des Plans, kann man das ganze Unternehmen ad acta legen, beziehungsweise im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen tot-diskutieren.
Sind Kampflugzeuge westlicher Staaten in der zurzeit besonders heißen Luft Libyens unterwegs, so wird es nicht lange dauern, bis sie auch vom Boden aus attackiert werden. Ob nun durch Gaddafis Truppen oder friendly fire der Rebellen, die Folge wird sein, dass in Selbstverteidigung Bodenziele angegriffen werden. Wer einem hier noch erzählen will, dies sei keine militärische Intervention, von dem kann man keine realistischen Lösungsvorschläge erwarten.

Zuschauen darf man dennoch nicht!
Trotz all diesen Bedenken kann die Welt bei den Ereignissen in Libyen nicht einfach zusehen. Diejenigen, welche Gaddafi bis zu diesem Zeitpunkt die Treue halten müssen ebenso fanatisch sein wie ihr „Revolutionsführer“ oder haben all ihre Hoffnungen an eine gewaltsame Niederschlagung der Aufstände gehängt. „Bis zur Letzten Kugel“ werden sie gegen die Menschen, welche sich der Diktatur erwehren, vorgehen. Gaddafi hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er jeglichem Widerstand mit äußerster Gewalt begegnen will und zwar nicht nur militantem sondern auch friedlichem Widerstand, wie der Beschuss von Demonstranten aus Helikoptern und Flugzeugen zeigte. Und auch auf ein baldiges Aufgeben des Herrschers selber sollte man keine Hoffnungen setzen:
„Ein Vertreter des libyschen Außenministeriums bezeichnet Berichte, wonach Gaddafi den Rebellen seinen Rückzug angeboten haben soll, als ‚vollkommenen Blödsinn‘.“ (Spiegel)

Es muss Eingegriffen werden. Eine Flugverbotszone ist ein geeignetes Mittel um die Bombardierung von Rebellen und Zivilbevölkerung zu unterbinden, sollte sie konsequent und mit vollem Bewusstsein der möglichen Folgen durchgesetzt werden. Auch die Rebellen wünschen sich laut Deutschlandfunk eine derartige Lösung, welche eine Bodenoffensive ausschließt, den Luftraum jedoch sichert. Auch die gefährdete europäische Ölversorgung macht eine militärische Unterstützung der Rebellen wahrscheinlich um den Wechsel in Libyen vorranzutreiben. Dies bedeutet ein militärisches Eingreifen, welches im besten Falle von der UN ratifiziert wurde. Da China und Russland als Vetomächte im Sicherheitsrat jedoch gegen ein solches UN Mandat stimmen werden, muss gleichzeitig überlegt werden, auf welcher Basis eine Flugverbotszone durchgesetzt werden könnte. Das eine Flugverbotszone nicht im Sinne der Menschen in Libyen ist, dies wagt zur Zeit noch niemand zu behaupten, aber um ihre Interessen geht es bereits nicht mehr. An der Tatsache, dass das System Gaddafi fallen wird besteht kein Zweifel. In welcher Form dies geschieht und wie man möglichst gut von den Umständen profitieren könnte, das sind die Themen, welche die Welt zur Zeit bewegen. Ein Eingreifen könnte in diesem Zusammenhang nicht nur Menschenleben retten, sondern auch die potentiellen Machthaber später erinnern, wer ihnen beim Sturz des Diktators heroisch zur Seite stand.

Zynischer könnte man jedoch auch sagen: Wenn die EU schon nicht verhindern wollte, dass aus ihren Ländern Waffen an den Despoten geliefert wurden, so könnte sie heute wenigstens verhindern, dass mit diesen Waffen die libysche Bevölkerung abgeschlachtet wird.