Anarchismus

Zum Staat II

„Wir Anarchisten haben der Diktatur das endgültige Urteil gesprochen … Wir wissen, dass jede Diktatur, und wenn sie noch so ehrliche Absichten hat, zum Tode der Revolution führt. Wir wissen…, dass die Idee der Diktatur nichts anderes ist als ein übles Produkt des Regierungsfetischismus, der … stets bestrebt war, die Sklaverei zu verewigen.“

Pjotr Kropotkin

anarchistische/marxistische Strategie als Gegensatz?

Unter den „20 Kontroversen“ die bei arschoch.blogsport.de diskutiert werden, befindet sich auch die Frage: „Anarchistische und/oder marxistische Strategie“

Das sich ernsthaft gefragt wird, ob mit Anarchisten ein „revolutionären Bruchs mit dem bisherigen Staatsapparat“ zu machen ist, zeigt wie wenig sich scheinbar untereinander ausgetauscht wird.

Auch das hier vorgestellte „Bochumer Programm“ eines sich als explizit marxistisch verstehenden Forums enthält 1:1 anarchistische Forderungen nach Dezentralisierung, der Abschaffung von Hierachien, Basisdemokratie statt Repräsentantentum, sowie Selbstverwaltung im Betrieb und in der Versorgung.

Die Frage ist letztendlich eine quantitative und zwar wieviel Souveränität des Einzelnen nach „oben“ abgegeben werden soll.
Das sich der Anarchismus dafür einsetzt

1. diese Auslagerung und Konzentration von Entscheidungsmacht so gering wie Möglich zu halten und

2. sich für imperative (an Wählerschaft gebundene) Mandate der Delegierten einsetzt

halte ich für richtig und wichtig.

Mitzudiskutieren und Gemeinsamkeiten und Gegensätze abzutasten kann sich nur lohnen.

Am Anfang war Erziehung

Auch wenn sich Alice Miller wohl kaum selber als Anarchistin bezeichnet hätte, hat sie sich, wie kaum jemand anderes, mit den Folgen von Erziehung, Pädagogik und Psychoanalyse als Herrschaftsinstrumente in der Gesellschaft auseinandergesetzt. Insbesondere der Einfluss frühkindlicher Erlebnisse auf die Entwicklung von Persönlichkeit und die sich wiederholenden Handlungsmuster von „Erzogenen“ in Bezug auf ihre eigenen Kinder stellte sie bei ihrer Arbeit in den Vordergrund:

In seiner Weihnachtsansprache 1979 sagte Johannes Paul II. zum Jahr des Kindes, daß man dem Kinde Ideale vermitteln sollte. Dieser Satz ist im Munde eines liebesfähigen Menschen zweifellos gut gemeint. Wenn aber kirchliche und weltliche Pädagogen sich anschicken, dem Kind vorgeschriebene Ideale vermitteln zu wollen, greifen sie zu den Mitteln der Schwarzen Pädagogik und erziehen Kinder höchstens zu erziehenden Erwachsenen, aber nicht zu liebenden Menschen.
Kinder die man respektiert, lernen Respekt. Kinder, die man bedient, lernen dienen, lernen dem Schwächeren dienen. Kinder, die man so liebt, wie sie sind, lernen auch Toleranz. Auf diesem Boden entstehen ihre eigenen Ideale, die gar nicht anders als menschenfreundlich sein können, weil sie aus der Erfahrung der Liebe hervorgehen.
Ich bin mehr als einmal mit dem Gedanken konfrontiert worden, daß ein Mensch, dem es möglich gewesen wäre, in der Kindheit sein wahres Selbst zu entwickeln, in unserer Gesellschaft ein Martyrium auszustehen hätte, weil er ihr die Anpassung an einige ihrer Normen verweigern würde. Es spricht einiges für diesen Gedanken, den man oft als Argument für die Notwendigkeit der Erziehung gebraucht. Die Eltern möchten ihr Kind, wie sie sagen, so früh wie möglich anpassungsfähig machen, damit es später in der Schule und im Berufsleben nicht zu sehr leiden müsse. Da das Leiden der Kindheit und dessen Auswirkungen auf die Charakterbildung bisher noch wenig bekannt sind, behält diese Argumentation scheinbar ihr Gewicht. Die Beispiele aus der Geschichte scheinen ihr sogar recht zu geben, denn viele Menschen die sich den herrschenden Normen ihrer Gesellschaft verweigert hatten und die Wahrheit, d.h. auch sich selbst treu geblieben waren, mußten als Märtyrer sterben.
Doch wer ist es eigentlich, der eifrig dafür sorgt, daß die Normen der Gesellschaft eingehalten werden, der die Andersdenkenden verfolgt, ans Kreuz schlägt – wenn nicht die „richtig“ erzogenen Menschen? Es sind Menschen die ihren seelischen Tod schon in ihrer Kindheit zu akzeptieren lernten und ihn erst spüren, wenn sie in den Kindern oder Jugendlichen dem Leben begegnen. Dann muß dieses Lebendige umgebracht werden, damit es sie nicht an ihren eigenen Verlust erinnert.

aus Alice Miller – Du sollst nicht merken (1983)

Zum Staat I

„Der Staat ist eine Maschine in den Händen der herrschenden Klasse zur Unterdrückung des Widerstands ihrer Klassengegner. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Diktatur des Proletariats im Grunde genommen durch nichts von der Diktatur jeder anderen Klasse, denn der proletarische Staat ist eine Maschine zur Niederhaltung der Bourgeoisie.“

Josef Stalin

Der Begriff der Macht

Macht bezeichnet nach Max Weber „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“
Soziale Beziehen“ haben Personen grundsätzlich mit jedem Mitglied einer Gesellschaft mit dem sie interagieren. Die Chance den eigenen Willen durchzusetzen und somit Macht, kann auf mehreren Ursachen beruhen. Beispielsweise:

-Physische Überlegenheit
-Zahlenmäßige Überlegenheit (je größer die Zahl desto höher die Chance das Ziel gegen den Widerstand durchzusetzen)
-Kommunikation, welche den eigenen Willen durchzusetzen versucht
-Herrschaftsverhältnisse

Schon Weber sagte: „Der Begriff »Macht« ist soziologisch amorph. Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen. „

Die Sozialpsychologen French und Raven beschrieben die Basen von Macht 1959 in sechs Kategorien:

„Legitime Macht
Man lässt sich beeinflussen, wenn man der Ansicht ist, der Beeinflussende habe ein Recht dazu, Entscheidungen oder Verhaltensweisen zu beeinflussen. Die legitime Macht bezieht sich z. B. auf die Macht von Vorgesetzten, aufgrund ihrer relativen Position in einer Organisationsstruktur. Legitime Macht ist identisch mit Autorität und ist abhängig von der Überzeugung von Individuen, vom Recht eines Vorgesetzten, seine Stellung innezuhaben und deren Akzeptanz des Stelleninhabers.

Macht durch Belohnung
Belohnungsmacht hängt von der Fähigkeit des Machtausübenden ab, Belohnungen zu vergeben. Neben materiellen oder finanziellen Belohnungen können auch Aufmerksamkeit, Lob und Zuwendung zur Anwendung kommen. Die Macht durch Belohnung bezieht sich z. B. auf die Möglichkeit von Vorgesetzten, den Mitarbeitenden Vorteile, Wohlstand oder Beförderung zu verschaffen oder ihren Lohn oder Verantwortungsbereich zu vergrößern.

Macht durch Zwang
Macht durch Zwang meint die Anwendung von negativen Einflüssen. Sie kann sich auf die Möglichkeit einer Degradierung oder Entlassung beziehen oder auf die Zurückhaltung von Belohnungen. Der Gehorsam der Abhängigen wird durch den Wunsch nach wertgeschätzten Belohnungen oder die Angst vor deren Entäußerung erreicht.

Macht durch Identifikation
Diese Form der Macht bezieht sich auf die Fähigkeit des Machtausübenden, bei den Bezugspersonen ein Gefühl der Verbundenheit hervorzurufen. Der Machtausübende beeinflusst Einstellungen der Bezugsperson zur Machtperson (zu sich) selbst, beeinflusst die Emotionen, sowie Ziele und Absichten der Bezugsperson. Sie basiert auf dem Charisma des Machtinhabers. Die zu beeinflussenden Personen wollen sich mit den persönlichen Eigenschaften und Qualitäten des Machtinhabers identifizieren und gewinnen Befriedigung aus ihrer Akzeptanz als Mitläufer und Nachfolger. Dies kann dazu führen, dass bei Meinungsverschiedenheiten schneller nachgegeben wird oder dass es schon gar nicht zu Diskussionen kommt.

Macht durch Wissen
Hier entsteht Macht durch situationsbezogenes, wertvolles Wissen des Machtausübenden. Diese Macht der Experten beruht auf deren Fähigkeiten oder Erfahrungen. Anders als die anderen Machtbasen ist diese hochspezifisch und auf den speziellen Bereich eingeschränkt, auf welchem der Experte erfahren und qualifiziert ist.

Macht durch Information
Macht durch Information setzt kein ausdrückliches Wissen voraus. Nötig sind nur der Zugang zu den Informationen und die Kontrolle über die Kommunikationskanäle. Durch Verbreitung oder Fälschen der Information werden die Informationsempfänger beeinflusst. „

Weber definiert Macht als etwas, welches dem/der Träger_In behilflich ist die eigenen Interessen gegen den Widerstand anderer Personen durchzusetzen (er spricht davon dass dies „innerhalb soziale[r] Beziehungen“ geschieht). Macht kann jedoch auch im Sinne von Wirksamkeit verstanden werden, welche sich nicht nur gegen die Widerstände anderer Personen richtet, sondern auch gegen überpersonale Institutionen wie Staat oder ein System in das der/die Träger_In von Macht eingebunden ist. Diese überpersonalen Konstrukte sind durchaus manifestierte soziale Beziehungen. Desweiteren kann Macht natürlich auch von mehreren Personen ausgeübt werden und der Wille, welcher durchgesetzt werden soll, muss darüber hinaus keinesfalls egoistischer Natur sein.

Macht bedeutet aus anarchistischer Perspektive also keineswegs in jedem Fall die Unterdrückung anderer bzw. die Durchsetzung des eigenen egoistischen Willens
Macht, also die Chance zur Umsetzung eines bestimmten Willens geht von jedem gesellschaftlichen Akteur aus und keineswegs nur von oben nach unten.
Macht in jedweder Form abzulehnen heisst die Chance zur Erreichung der eigenen Ziele aufzugeben.

Folgen werden zwei weitere Abschnitte, die sich mit dem Begriff der Führung und dem Begriff der Herrschaft ausseinandersetzen sollen.

„They ignore peaceful protest“?

Nicht nur in Diktaturen ist man unzufrieden mit den Autoritäten und den eigenen eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten. Auch in Europa gehen Menschen zu Tausenden auf die Straßen. So kam es heute in Athen zum 11. Generalstreik gegen die von der Regierung beschlossenen Sparmaßnahmen, an dem sich u.a. Verkehrsbetriebe, Fluglotsen, Geschäftsinhaber, Studenten, Lehrer und sogar Journalisten beteilligten und den öffentlichen Betrieb lahmlegten. Auch die Zufahrtswege zu Behörden und Ministerien wurden blockiert, vor dem Parlament kamen heute ca 30.000 Demonstranten zusammen. In der gesamten Athener Innenstadt sollen es nach Gewerkschaftsangaben sogar über 100.000 gewesen sein.

©Reuters
© Reuters

Doch im Gegensatz zu Libyen ging es hierbei nicht um die Befreiung von jahrzentelanger Diktatur. Diese hat Griechenland glücklicherweise bereits seit 37 Jahren hinter sich gelassen:
Während der Zypernkonflikt für den äusseren Zerfall des Regimes sorgte, trugen landesweite Demonstrationen und der Aufstand vom 17. November 1973, welcher vom Athener Polytechnikum ausging und unter Einsatz von Panzern niedergeschlagen wurde, entscheidend zum inneren Zusammenbruch des Regimes bei.

Heute jedoch ist es weniger der Ruf nach Freiheit welcher die Menschen auf die Straße treibt. Es ist vielmehr die Angst, vor dem Verlust eines bestimmten Lebensstandarts, welche sich durch alle Einkommenschichten zieht. Hervorgerufen wird diese Angst durch das von der Regierung beschlossene Sparpaket, welches schon heute reale Auswirkungen auf das Leben der griechischen Bevölkerung hat. Die Angst vor einem schlechteren Leben ist keineswegs herunterzuspielen oder zu verurteilen, sie ist vielmehr ein vollkommen berechtigtes Gefühl und suchte sich in Griechenland am heutigen Tage sogar einen der besseren Ausdrücke um sie nach außen zu tragen: Nicht in der Herabwürdiung sozial schwächer Gestellter oder einer Entsolidarisierung wie sie in Deutschland auf dem Vormarsch ist fand sie ihren Ausdruck, sondern im Gegenteil in einer kraftvolle Demonstration, welche auch ein Signal der Solidarität mit den bereits Betroffenen ist.
So verkündet ein Demonstrant sarkastisch über das Megafon: „Alte, Arme, Kinder, Behinderte, Arbeitslose, Schüler, Studenten – all die haben lange genug von den billigen U-Bahntickets profitiert – sie sind der Gesellschaft lange genug auf der Tasche gelegen!“
(tagesschau.de)

Trotz der Großdemonstration, welche nicht die erste gegen das verordnete Sparpaket ist, beteilligten sich einige Berufstätige nicht an den Streiks und Demonstrationen. Und dies nicht etwa aus anderen Gründen als die Streikenden, sondern vielmehr aus exakt den selben: „„Soll ich etwa noch einen Tag ohne Arbeit verkraften?“ fragt dieser Schreibwarenladenbesitzer im Zentrum Athens. „Dann kann ich ja gleich ganz dicht machen. Was macht das denn für einen Sinn, zu streiken? Damit ändern wir doch nichts an der Situation. Wegen der ständigen Streiks im Nahverkehr kommen ohnehin viel zu wenig Kunden ins Zentrum.“" (ebenda)

Es ist nicht nur die Angst vor dem sozialen Abstieg, welche in dieser Aussage deutlich wird, sondern auch eine gewisse Resignation gegenüber der Regierung. In einer parlamentarischen Demokratie kann man eben nur alle paar Jahre abstimmen und muss sich den Rest der Zeit mit den Entscheidungen der Repräsentanten zufrieden geben. Auch zehntausende Menschen, welche sowohl streiken als auch auf die Straße gehen, können derartige Entscheidungsprozesse in ihrem Kern scheinbar nicht beeinflussen.

Aus der daraus resultierenden Frustration entstanden in Griechenland Gruppen wie „17. November“ und Nachfolgeorganisationen wie etwa die Sekte der Revolutionäre oder auch die „Konspiration der Zellen des Feuers“, welche sich in der Tradition der Revolte gegen die Militärdiktatur sehen.

„Arm yourself and become violent, pretty violent, blow up everything. Remember that any violent action against the promoters of inequality, it is absolutely justified through the ages unending violence that we accept from them. Arm and fight against the state terrorism – burn, conspire, sabotage, and be violent, beautifully violent, physically violent, deliberately violent. “ (1)

Diese Gruppen ziehen weitaus militantere Handlungsoptionen vor, welche die Tötung von Menschen bewusst in Kauf nehmen und sogar vor Attentaten nicht zurückschreckt. Der Preis dafür nicht ignoriert zu werden kann darf jedoch kein Menschenleben sein. In Griechenland geht der Staat zur Zeit nicht mit Maschinengewehren, Panzern und der Luftwaffe auf die Demonstranten los und dementsprechend ist ihm auch zu begegnen. Die Zeit der „Propaganda der Tat“ und des Angriffs auf Funktionäre des Systems anstatt auf das System an sich, welches eben nicht Personal gebunden ist, ist lange vorbei (2). Was her muss sind also andere Handlungsoptionen, welche sich nicht in Gewalt gegen Personen und nicht in Demonstrationen erschöpfen. Handlungsoptionen, welche nicht ignoriert werden können und welche den Inhalt der Kritik bzw. der Forderungen klar darstellen. Einen länger anhaltenden Generalstreik halte ich darüberhinaus durchaus für sinnvoll, sollten sich wie in Athen genug Menschen daran beteilligen. Dieser muss jedoch so solidarisch geführt werden, dass die Angst, welche die einen auf die Straße treibt, die anderen nicht dazu bewegt dennoch ihrer regulären Funktion nachzugehen. Dies zu bewerkstelligen dürfte eine Herausforderung sein, allerdings eine deren Annahme sich sicherlich lohnen würde.

(1) Zitat von Mauricio Morales, welches im „COMMUNIQUE FOR THE ARRESTED COMRADES“ der Konspiration der Zellen des Feuers als Einleitung genutzt und auf welches sich positiv bezogen wird.
(2) Sollte es überhaupt jemals Zeiten gegeben haben, in denen diese Handlungsmuster sinnvoll waren.
Titel: Aus-Rotten – „They ignore peaceful protest“

Zur Anarchie II

„Sie könnten es sich ganz einfach machen:
Erstens, wir sind Anarchisten.
Zweitens, wir haben den Durchblick.
Drittens, die meisten Menschen haben keinen Durchblick.
Viertens, Unterdrücker haben auch den Durchblick,
wollen aber Unterdrücker bleiben und sind deshalb unsere Feinde.
Fünftens, wir kämpfen die Feinde nieder.
Sechstens, damit das geht, bilden wir Durchblicker eine verschworene Gemeinschaft.
Siebtens, die zeigt den Menschen ohne Durchblick, wo’s lang geht.
Achtens, wenn die nicht wollen, helfen hier ihnen auf die Sprünge.
Neuntens, nach der Revolution schaffen wir dann alles Schlechte ab.
Zehntens, wer das gute nicht will, ist unser Feind.
Alles wird gut, wir wissen den Weg, folgt uns!
- kann dass das Strickmuster anarchistischen Wirkens sein?“

Horst Stowasser

Zur Anarchie I

„Wir sind überzeugt, dass Freiheit ohne Sozialismus
Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit,
und Sozialismus ohne Freiheit
Sklaverei und Brutalität bedeutet.“

Michail Bakunin

Anomie

Anomie bezeichnet einen Zustand, in dem gesellschaftliche Regeln wegbrechen oder vollständig abwesend sind.
Oftmals wird eben dieser Zustand, welcher dem sozialen Chaos nahe ist mit Anarchie in Zusammenhang gebracht. Derart regellose Zustände in denen das Recht des Stärkeren gilt und in denen die Freiheiten des anderen mit Füßen getreten werden, sind jedoch keinesfalls anarchistisch.
Anarchie kommt aus dem griechischen und bedeutet „ohne Herrschafft“ (arché=Führung/Herrschafft, a als „beraubendes/verneindendes Alpha“)
Dennoch werden in den Medien die Begriffe Anarchie, Anomie und Chaos nicht trennscharf bzw. inhaltlich korrekt verwendet.

So werden beispielsweise die aktuellen Zustände in Ägypten im Rahmen von Revolution und Protestbewegungen als anarchistisch bezeichnet:
„Anarchie in Kairo – Mubarak will Ägypten brennen sehen“ – Spiegel Online, 30.01.2011
„Anarchie in Ägypten: 150 Tote bei Straßenschlachten“ – noows.de, 31.01.11
„Die politische Revolte in Ägypten schlägt in Anarchie um. Plünderer, Brandstifter und Räuber zogen am Sonntag durch die Straßen zahlreicher Städte“ – Welt Online, 31.01.11

Dabei wird jedoch keineswegs ein Anarchiebegriff im Sinne von Befreiung von Herrschaft, Selbstorganisation und Solidarität verwendet, sondern es wurden durchweg Negativaspekte mit dem Stigmata „Anarchie“ belegt. Brennende Autos, Bürgerkrieg, Ordnungslosigkeit; dies sind Assoziationen durch die permanente Wiederholung des Begriffes in falschen Zusammenhängen erzeugt wird.
Das Anarchie Ordnung ohne Herrschaft bedeuten könnte scheint der Masse der Journalisten nicht in den Sinn zu kommen.

Der Anomiebegriff wurde vom Begründer der empirischen Soziologie Émile Durkheim geprägt. Erstmals erwähnte Durkheim den Begriff im Zusammenhang mit dem „suicide anomique“ in seinem Werk „Le suicide“ (1897). Zustände gesellschaftlicher Unordnung und Regellosigkeit, welche beispielsweise durch positive wie negative soziale Umwälzungen hervorgerufen werden führt nach Durkheims empirischen Untersuchungen zum anomischen Suizid. Das Individuum kann sich nicht mehr an beispielsweise moralischen Regeln der Masse orientieren und handelt selbstzerstörerisch.
Der Anomiebegriff an sich geht jedoch über Aspekte wie Suizid, Moral und Individuum hinaus.