Armutsbekämpfung in Zeiten des Kapitalismus

Ich gehe gehetzt im Regen durch die Stadt als sich vor mir eine Werbetafel aufbaut – Am oberen Ende ist eine digitale Anzeige eingelassen auf welcher die Weltbevölkerung in Zahlen dargestellt wird. „Siebenmilliardenfünfzehnmillionenfünfhundertvierzehntausendundelf, zwölf, dreizehn, vierzehn…“ die Zahl wächst mit jedem Regentropfen, geradezu Sintflutartig, ich fühle mich an die Schuldenuhr erinnert.
Unter der der Anzeige hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Armut verhüten“ über ein paar „afrikanischen“ Kindern. Ich denke im vorrübergehen, dass es so wie es sich darstellt doch hoffentlich nicht gemeint sein kann und suche zu Hause im Internet nach „Armut verhüten“.

Der Zweite Eintrag bringt mich auch schon zur „Stiftung Weltbevölkerung“, welche auch für die digitale Anzeige verwantwortlich ist, und auch hier tickt die Weltbevölkerungsuhr unterbittlich: „Siebenmilliardenfünfzehnmillionenfünfhundertsiebzehntausendzweihundertvierzig, einundvierzig, zweiundvierzig“, die Anzeige überspringt einige Zahlen, „fünfundvierzig“. Ich lese mir die Inhalte durch, es geht tatsächlich um „Verhütung“ , sexuelle Aufklärung, Geschlechtskrankheiten und ungewollte Schwangerschaften. Allerdings auch – und Plakat und Name der Stiftung lassen diesen Schluß zu – um das Hauptziel der Reduzierung der Kinderzahl als Mittel der Armutsbekämpfung.

Unsere Projektarbeit zeigt: Jugendliche, die einen angemessen bezahlten Job haben, wollen in der Regel auch weniger Kinder haben. Jugendliche die aufgeklärt sind und einen guten Zugang zu Mitteln der Familienplanung haben, bekommen nur so viele Kinder, wie sie selbst wünschen. Kommt beides zusammen, können die Jugendlichen einen wichtigen Beitrag zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums leisten, das einer der Hauptgründe für die große Armut in diesen Ländern ist.

Je stärker die Bevölkerung zunimmt, desto mehr Menschen konkurrieren um die ohnehin knappen Ressourcen wie Ackerland, Wasser und Wald. Dies verschärft die Armut und Not der Bevölkerung, die auf diese Ressourcen unmittelbar angewiesen ist. Die Stiftung Weltbevölkerung ist überzeugt, dass der Schutz von Mensch und Natur zusammen gehören. Dem tragen wir mit integrierten Projekten Rechnung, in denen wir Familienplanung, Gesundheitsfürsorge und Umweltschutz miteinander verbinden.

Die Reduzierung der Kinderzahl durch Verhütung soll helfen „sich selbst aus der Armut zu befreien“. Das eine Arbeitsstelle und Bildung, also ein guter sozio-ökonomischer Hintergrund, die Kinderzahl verringert hat die Stiftung Weltbevölkerung bereits erkannt, auf die Frage warum derart viele Menschen keinen Zugang zu Bildung und Arbeit haben gibt sie höchstens die Antwort: Weil sie zu viele Kinder zeugen.

Kinder=Armut die verhütet werden muss:
Stiftung Weltbevölkerung
stiftungweltbevölkerung

Wieder einmal wird die Abschaffung des Leids durch die Abschaffung der Leidenden propagiert, ein dunkles Thema in der Diskussion um Abtreibung und Verhütung, welches auch von emanzipatorischer Seite (beispielsweise in der Debatte um die „Verhütung behinderten Lebens“) nur selten angesprochen wird.
Das Gegenteil von gut scheint eben doch gut gemeint zu sein. Und so lange unter Armutsbekämpfung Patenschaften und Bevölkerungsreduzierung verstanden wird, wird sich auch das „Afrika“-Bild der Industrienationen wohl kaum ändern.
Einen schönen Einblick in das Bild der Stiftung und deren Ausblendung wirtschaftlicher Zusammenhänge gibt das PR-Portal „openPR.de“:

Viele Deutsche haben bereits Patenschaften für Kinder in Entwicklungsländern übernommen. Das lindert die Armut dieser Kinder. Aber das Bevölkerungswachstum wird dadurch nicht gebremst und auch die Patenkinder werden in wenigen Jahren selbst Kinder haben, sodass mehrere Millionen neuer Patenschaften jährlich notwendig wären, um Armut zu verhindern.

Ich würde dies gerne mit der Forderung nach „Nachwuchsreduzierung“ von Hartz-4 Empfängern karikieren, aber die Realität hat mich da längst überholt.